Ein Lächeln. Ja, es war ein flüchtiges, kaum vernehmbares, aber eben ein Lächeln. Fast betäubt von diesem unsagbaren Glück, kniete Tobo nieder und schloss die Augen. Ihr wurde schwindelig, sie hatte das Gefühl, mitten im Licht zu schweben, gewichtlos, korperlos, selbstlos. Sie merkte nichts um sich, Zeit und Raum und Menschen hörten auf zu existieren. Sie wusste nicht, wie lange sie so da knietete, es könnte eine Ewigkeit gewesen sein.
Aber dann ließ die Wirkung des gespenstigen Lächeln nach, und Tobo befand sich wieder auf dem Boden, verfroren, mit schmerzenden Knien. Sie erhob sich. Vorsichtig machte sie zwei Schritte und blieb wieder stehen. Sie wusste nicht, wohin, sie wusste nicht, wofür. „Bleib hier,“ flüsterte etwas ihr ins Ohr, „warte, nur noch ein bisschen!“ Tobo seufzte. Sie hat schon lange gewartet. Schon seit aller Zeiten, vielleicht. Zumindest konnte sie sich nicht erinnern, jemals nicht gewartet zu haben. „Ich kann nicht mehr,“ ging es ihr plötzlich im Kopf. Erschrocken fuhr sie in sich zusammen. „Wahnsinn. Ich habe immer gewartet. Ich kann nicht anders. Ich muss einfach warten.“ Unsicher versuchte sie zu lächeln. Aber ihre verfrorene Lippen wollten sich nicht bewegen. „Wahnsinn,“ tauchte es wieder in ihrem Kopf auf. „Es tut weh, zu lächeln.“ Vor Schmerz fast gelähmt, lauschte Tobo in die Stille hinein. Es kamen aber keine Worte mehr rüber, der Lärm, anfangs im Hintergrund, nahm jetzt an, er wurde stärker und stärker, er übertönte die Kälte, er schlug dem Mädchen ins Gesicht. Der Lärm des Gedankensturms, in dem Tobo ihre Ruhe suchte. Sie blutete. Aber sie wehrte sich nicht. Sie wehrte sie nie. Sie knietete nur wieder und senkte ihren Kopf.
Erneut schwebte Tobo in der Luft und wusste nicht, wo sie ist, was sie tut. Nur diesmal war die Luft rot und erinnerte sie ans Blut. Ihr eigenes klebriges Blut, und das atmete sie ein und aus. Tobo schrie aus allen Kräften, aber es kam kein Laut heraus. Sie versuchte, dieses Bild abzuwerfen, aus dem Traum rauszukommen, aber sie konnte nicht. Die rote Luft war einfach da. Dem Mädchen wurde schlecht, es konnte nicht atmen, es war kurz vor Ersticken. Hastig rannte Tobo nach Luft, aber es war keine mehr da. Etwas versperrte ihr den Atem, etwas schlug gegen ihre Brust und sie hustete, wie im Anfall, wie wahnsinnig ihr Selbst aus. Ähnlich dem Zigarettenrauch quollen fein geformte rote Blutwolken heraus. „Wie schön,“ dachte sie entsetzt, und fiel zu Boden. Die roten Wolken erlöschen langsam mit einem flüchtigen, kaum vernehmbaren Lächeln.
Frage mich nicht mehr. Sage nichts. Ich bin so müde. Ich weiß es nicht. Ich kann es nicht mehr hören. Ich bin verzweifelt, du tust mir weh mit deinen Fragen, mit deiner Wahrheit. Ich kann keine Wahrheit ertragen, da ertrinke ich. Mich gibt es da nicht. Ich bin in Lügen geboren und gepflegt, ich wurde mit Lügen eingeschläfert und aufgeweckt, mit Lügen geküsst und weggeschmissen. Ich glaubte alles, eifrig, selbstvergessen, obwohl ich wusste, dass es Lügen waren. Denn es waren ja meine Lügen.
Ich brauche Lügen. Ich brauche sie, um mich wieder aufzuraffen, um wieder aufzutauchen und mich an der Oberfläche zu halten, irgendwie. Jede deine Wahrheit ist ein Schlag, und jedesmal platzt eine meiner Lügen darunter. Was habe ich davon? Ich sinke nur tiefer, die Luft hält mich nicht, das Wasser hält mich nicht, die Erde sowieso, schon lange nicht. Ich muss wieder Ballast abwerfen, aber was ist mir geblieben? Noch ein paar Wünsche und dann bin ich nackt, mit den letzten Lügen kann ich mich zudecken. Schau mich nicht an. Oder willst du zusehen, wie ich ertrinke? Ich kann dir nichts mehr bieten, ich habe nichts mehr, ich habe mich nicht mehr. Aber du wolltes mich ja nie. Du wolltest nur Lügen. Nimm! Nimm meine Letzten… Jetzt sind alle glücklich. Du hast was du wolltest und ich will nichts mehr.
Ich habe Messer in meinen Augen, oder Sägen, jedenfalls scharf. Jedes Mal schneden sie ein Augenstückchen ab, langsam, genüsslich, jedes Mal wenn ich weinen möchte. Es geht einfach nicht. Ich bin jetzt zum Teil blind – 4,75 dio., ich sehe weniger, aber ich weine auch weniger. Manchmal nur. Ich kann mir auch nicht erklären, warum, und das ist das Schlimmste. Dann ist der Schmerz so stark, dass ich meine Augenlieder betasten muss, Blut suchend. Aber sie sind trocken, kein Blut, keine Tränen. Nur ein verwundeter Blick, der sich nach innen einschleichen wollte, bleibt an den Wimpern zittern.
…
Ich bin mir fremd. Ich kenne mich nicht, ich erkenne mich nicht. In meiner Erinnerung bleiben die unklaren Umrisse meiner Figur, verschwommene Gesichtszüge. Ich stelle Vermutungen auf, über meine Gefühle, meine Interessen und meine Augenfarbe, über das „warum’“ und das „ob“. Ich mache auch dabei Fehler.
…
Ich bin rastlos, ich will raus, raus aus dem Körper, der nichts mit mir zu tun hat, raus aus dem Geist, der nichts mit mir zu tun hat, raus aus der Seele. Raus aus mir. Ich will mich nicht mehr sehen, will nichts von mir wissen. Nein, ich will nicht anders sein, ich will nur eine Freiheit, Freiheit von mir. Die Freiheit, mich von mir trennen zu können, und die Freihit, mich wieder kennen zu wollen, vermuten, im Gedächtnis behalten. Verstehen, vielleicht.
…
Ich starre Menschen an, und sie senken ihre Blicke. Manche – manche bleiben kleben und haben Angst, vor sich selbst. Dann reißen sie, irgendwann, und verschwinden. Aber sie hinterlassen etwas. Eine Traurigkeit oder ein Lächeln. Eine Frage. Eine Verwirrung. Oder einfach ein bisschen Nebel.
…
Ich sehe den Wind in den Bäumen wehen und höre den Menschenlärm um mich. Der Wind ist draußen, die Kälte drinnen. Trockene Blätter und Füße bewegen sich in einem Rhythmus. Mal schneller, mal langsamer, aber immer nur hin und her. Ohne System, ohne Sinn. Nur meine Füße sind kalt und meine Blätter mit Kaffee übergossen.
- Erik?
…Wieso hat er mich angerufen? Will er sich entschuldigen? Will er, dass wir wieder zusammen sind? Nein, das ist unwahrscheinlich. Vielleicht, ja, aber er wird es nicht sagen. Er wird nicht anrufen und so was fragen. Würde er fragen, ob wir was unternehmen könnten? So unverbindlich, als ob nichts passiert ist… In der Hoffnung, der andere wird mitspielen, vielleicht auch mitspielen wollen, ohne alles klären zu müssen. Sich selbst freiwillig anlügen, das macht man doch so gern. Oder wollte er gar nicht deswegen mit mir sprechen? Vielleicht gibt es etwas Formales zu klären, er hat etwas bei mir vergessen oder ich bei ihm, er braucht eine Auskunft, was weiß ich… Möglich… Vielleicht soll ich mir gar keine Gedanken darüber machen… Das bestimmt. Aber immerhin. Selbst wenn er wegen etwas angerufen hat, was „gar“ nichts mit uns zu tun hat, bedeutet es oft trotzdem das Gleiche. Es zeigt, dass er auf irgendeine Weise Kontakt aufnehmen wollte, und sich eben dafür etwas Neutrales ausgesucht hatte. Eine Situation, wo ihm die Verantwortung abgenommen werden kann (er kann ja nichts dafür, dass sein Buch dass er jetzt so dringend braucht bei mir geblieben ist), und währenddessen, während dieses externbedingtes, nicht von ihm vertretbaren, sogar gezwungenes (um Gottes Willen nicht aus eigenem Interesse) Telefonkontakt kann er nebenbei die Lage checken – eventuell wird sie selber vorschlagen, man solle sich sehen, weil sie einen so vermisst und alles.
Tja, da spinne ich ganz schön rum… Bestimmt will er mir noch mal sagen, dass ich an allem Schuld bin und wie Scheiße unsere Beziehung war und dass es eigentlich gut ist, dass wir nicht mehr zusammen sind. Egal, das habe ich schon gehört, wird mich nicht überraschen. Außerdem, wenn er deswegen noch einmal anruft, heißt es nichts anderes, als dass er sich nach dem „früher“ wieder sehnt, oder immer noch sehnt. Sonst würde er…
- Ja, hallo, Erik hier. mehr lesen…
ich hätte sie lieben sollen. ich hätte ihr helfen sollen, vielleicht hätte ich auch helfen können. ihr und mir…
nein, ich habe sie nicht geliebt. ich habe sie nicht mal wirklich gemocht. manchmal konnte ich sie nicht mal ansehen, so widerlich ich sie fand. naja, sie hat mich ja auch ständig enttäuscht, ich meine, ich habe verschiedene sachen ausprobiert, ich war mal sanft und mal hart, ich hab sie beraten, ich hab ihr verschiedene lösungsmöglichkeiten vorgeschlagen, wir haben gemeinsam strategien geplant – es half einfach nichts. sie konnte ihre versprechen nicht einhalten, sie tat nichts, um sich zu verändern, oder tat es nur halbherzig, ich weiß es nicht. sie machte nur jedenfalls immer wieder die gleichen dinge, immer wieder diese abscheulichen dinge, überhaupt lebte sie so. wie sollte ich dann nicht böse sein, wie sollte ich sie denn noch lieben? mehr lesen…
„Ich finde den Regen schön.“
Er lächelte. „Er passt zu dir.“
„Bin ich auch so kalt?“ Jetzt lächelte sie.
„Du weckst eine gewisse Herbststimmung…Sehnsucht nach etwas. Und man kann deine kalten Hände im Nacken spüren…“
„Du magst keinen Regen.“
„Nein. Aber ich mag dich.“
Es war schon dunkel im Tiergarten, ein paar einsame Laternen brannten auf dem Hauptweg. Bald würde der Park zumachen, das hörte man an der Stille.
„Hörst du?“
„Was?“
„Die Stille. Irgendwo ganz nah, zwischen den Regentropfen.“
Er sah sie nur unverwandt an, mit einem lächelnden Blick, und spielte mit ihrem Haar. Sie wandte ihren Blick ab.
„Was ist?“ sie klang unsicher und wissend zugleich.
„Ich mag dich einfach.“
„Du frierst.“
Er lachte leise. „Ach, du… Aber du hast Recht, ich friere. Wie du ja auch…“
Und dann saßen sie weiter, sie in seiner Jacke und mit vor Kälte verschränkten Armen, er mit seinen verfrorenen Fingern in ihrem Haar. Sie drehte ihren Kopf nach oben und fing Regentropfen mit dem Mund auf, lachend und zitternd.
„Lass uns gehen,“ sagte sie schließlich. „Wir werden bestimmt über den Zaun klettern müssen.“
„Ja, lass uns gehen,“ stimmte er zu und rührte sich nicht. mehr lesen…
- Was willst du denn im Leben erreichen?
- Es ist zu schwierig, darauf gleich zu antworten. Ein Lebensziel in einem Satz, absurd.
- Du kannst aufzählen, du kannst große und kleine Ziele nennen. Du kannst zwei Sätze machen.
- Ich… Ich weiß nicht.
- Nicht mal ein kleines Ziel?
- Ich hasse Ziele, Lebensziele, absurd, man soll das Leben doch einfach leben, oder?
- Was heißt für dich ‘leben’? mehr lesen…

