Lichter

Veröffentlicht: Januar 8, 2009 in Gefühle, Märchen
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Es gab einmal eine Lichterkette.

Eine ganz normale Lichterkette, eine von denen, die man zwar zu Weihnachten kauft, aber rund um das Jahr benutzt, um sich gemütlich zu machen. Nur fast nie gerade zu Weihnachten, denn zu der Zeit gibt es so viele Dinge, die schöner sind. Also unsere Lichterkette war zwar bunt und so, aber die konnte nicht mit allen Pyramiden, Schwibbögen, und Kerzen konkurieren. Besonders mit Kerzen: das war ein echtes Problem, und nicht nur zu Weihnachten. Die Lichterkette musste immer für die Aufmerksamkeit kämpfen, denn auch wenn sich die Menschen gemütlich machen wollten, haben sie meistens Kerzen bevorzugt. Zu großen Partys und so zu Versammlungen von Freunden wurde die Lichterkette (auch) aufgehängt, da brauchte man nämlich mehr gemütlichmachendes Licht.

Und so war es auch diesen Abend, wenn sich ein paar Menschen in der Küche versammelt haben. Es gab zwar eine Kerze, aber ihre Minuten konnte man schon zählen, und da wurde die Lichterkette endlich mal wieder angemacht. So freute sie sich, wieder sehen zu können, wieder zu tanzen und den Leuten zuzuwinken. Wieder zu leben!

Dann ist es aber passiert… Die Menschen waren so tief in ihrer Diskussion drin, dass sie nicht bemerkt haben, wie die Lichterkette plötzlich vom Regal nach unten rutschte, und nun hing sie frei über dem Tisch und sinkte immer tiefer. Noch ein wenig – und sie war direkt über der Kerzenflamme, die noch aus letzter Kraft flimmerte.

Die Kerze fühlte sich nämlich oft sehr einsam, und war traurig, älter und kleiner zu werden, sich beim Niedergehen zuzusehen. Sie hatte die Wärme ihrer Flamme so nach außen verschenkt, ohne darüber nachzudenken, und manchmal wollte sie ganz grell brennen, damit die Menschen sich über das Licht freuen, manchmal merkte sie, wie es ihre Kräfte auffraß und schimmerte nur, und fragte sich, was passiert, wenn es kein Wachs mehr gibt, um ihr Licht zu nähren, was passiert, wenn  ihr Docht ganz verbrennt, was passiert, wenn es keine Luft mehr gibt… Sie fragte sich, was mit der Wärme passiert, die ihre Flamme erzeugt, und wie es wäre, jemanden zu berühren… Und wenn sie schlief, träumte sie über die Nähe, über Berührungen und gegenseitige Wärme.

Nun sah sie voll Neugier zu, wie die Lichterkette aus ihrer gewöhnlichen Platz rutschte und sich ihr mehr und mehr näherte. Auf einmal wurden ihre Träume wieder lebendig, sie träumte wach – und so richtete sie sich auf, sammelte ihre letzten Wachstropfen um sich und wuchs nach oben. Noch ein bisschen, noch ein kleines wenig… Nur eine, eine flüchtige Berührung…

Sie kamen sich näher und näher, zwei Lichter mit unterschiedlichen Körpern und Seelen. Die eine war heiß drinnen und kalt nach außen, dafür bunt und lebendig; die andere kalt drinnen und heiß nach außen, dafür leise und traurig. Ganz unterschiedlich. Aber mit den gleichen Fragen in sich. Und wenn es zur Berührung kam, verschmolzen sie beide, sind eins geworden, für ein Moment – und es war zu viel… Sie konnten diese Nähe, diese Übergefühle nicht ertragen.

Eine kurze Explosion, und die Lichter gingen aus, wie eins, alle Lichter der Kette, zu der jetzt auch die Kerze gehörte…Und es wurde finsterdunkel…

– So ’n Scheiß!

– Ach komm… die war ja eh hässlich.

– Hat jemand vielleicht noch eine Kerze?

– Gleich. …Gelbe Tonne?

– Restmüll.

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