Leichen in meinem Zimmer

Veröffentlicht: Januar 18, 2009 in Fakten, Gefühle, Kurzgeschichten
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Ich bin gekommen und sie waren tot. Beide. Ihre Körper lagen da, bewegungslos und unschön beim frohlichen Taglicht. Ich wusste nicht, was ich tun soll. Ich sezte mich auf den Fußboden, starrte die beiden an und dachte daran, wie es mal war…

Es waren schöne Zeiten, damals. Als wir uns kennengelernt haben, waren wir beide neu in der Stadt. Beide, denn die Zweite von den beiden habe ich erst später getroffen. Wir waren neu und unsicher, hatten Lust, die Stadt zu entdecken und fühlten uns etwas einsam. Das habe ich jedenfalls gespührt, als ich sie gesehen habe. Sie war schön, damals. Ich weiß nicht, ob es meine Schuld war, dass sie sich so verändert hat. Ich wollte nicht daran denken.

Vielleicht waren das auch die depressiven regnerischen Herbsttagen, die uns den Traum der kuscheligen Nähe erweckt haben, jedenfalls verbrachten wir die Tagen zusammen und waren – glücklich? Ich eine Zeit lang, vielleicht, ich war in ihre Schönheit verliebt, ganz dumm, Geschenke, dummes Lächeln, Liebesfotos. Aber irgendwas passte nicht.

Irgendwas war falsch, und ich wusste nicht was. Sie sah mich nicht mehr an, sie versteckte ihre Blicke und sah deprimiert aus. Ich fragte und fragte, aber sie wollte nicht reden. Ich wusste nicht, was ich tun sollte, ihr Schweigen, ihre Abwesenheit wenn sie mit mir war haben mich in Verzweiflung gebracht.

Und dann wurde sie krank. Richtig krank. Sie lag da am Fenster, ihre Blicke wanderten abwesend auf den Dächern, die man aus dem Zimmer sehen konnte, auf der Decke, auf den Wänden, auf mir. Sie war fast nicht mehr am Leben. Ich konnte nicht daran denken, ich würde es nicht ertragen, wenn sie sterben würde. Ich habe alles gemacht, damit sie gesund wird, damit ich wieder ihr Lächeln sehe, alles was ich konnte und was nicht. Ich konnte nicht schlafen. Ich war verzweifelt. Ich dachte, das wäre das Ende.

Aber es hat funktioniert, am Ende, die Krankheit ist zurückgetreten, ihre Depression auch. Ihr wurde besser und sie hat wieder gelächelt, und ich war wieder glücklich. Wir waren glücklich.

Wie lange hat es gedauert, diese schöne Zeit? Der Frühling kam, das Leben blühte, ich der Luft schwebte Sehnsucht nach der Liebe und nach einem neuen Anfang. Ich sehnte mich nach der Liebe. Nach der Schönheit. Nicht dass ich mich verändert habe, uns beiden ging es wieder gut. Aber ich war schon irgendwie zu vorsichtig, mit ihr, nichts Falsches sagen, nichts Falsches tun. Und seitdem wir uns kennengelernt haben, war ich immer bei ihr, ich habe keine andere angesehen, keine andere berührt. Es wurde auf Dauer irgendwie viel zu ’normal‘. Ich sehnte mich nach der Freiheit und nach dem Neuen.

Da habe ich sie, die Zweite, getroffen. Ganz zufällig, aber diese Sehnsucht, die ich innerlich spürte, hat es gleich entschieden. Ich konnte nichts dagegen. Ihre Schönheit war anders, irgendwie, sie wirkte stolz und schüchtern gleichzeitig, eine Mischung von Widersprüchen. Ihre blaue Augen, zarte Hände, die mich unsicher berührten, ihre weiche Haut… Ich träumte. Sie zog mich an, und ich konnte nicht widerstehen.

Ich weiß nicht mehr, wie es dazu gekommen ist, dass wir dann alle zusammen wohnten, und dass ich jetzt gekommen bin und die beiden tot waren. Eigentlich ging es gut, anfangs, und wir fuhren ein ganz normales Leben. Niemand hat sich beschwert, auch ich nicht, als ich merkte, dass sie eher gleichgültig mir gegenüber wurden und ihr eigenes Leben zu haben schienen. Sie haben sich gut befreundet und ich… ich hatte meine Probleme. Und ich konnte keine Routine ertragen, ich dachte immer, es ändert sich, diesmal ändert es sich – und es hat sich nie geändert. Ich habe sie kaum mehr beachtet, und wenn ich sie gemerkt hatte, fand ich sie hässlich. War ich nicht mehr verliebt, oder änderte sich auch die Schönheit? Beides, wahrscheinlich. Wir haben kaum geredet in der letzten Zeit, übliche routinierte Fragen und Antworten. Aber wir fuhren ein ganz normales Leben…

Und jetzt lagen sie tot, beide nebeneinander, ganz still und ruhig. Und als ob zufrieden, endlich. Ich fragte mich, ob ich daran schuld bin, ich fragte mich, ob es ihnen jetzt vielleicht besser geht, da, irgendwo, nicht mit mir. Ich konnte mich nicht wagen, die kalten Körper anzufassen. Zwei Leichen in meinem Zimmer. Zwei meine Leichen und ich muss jetzt irgendwas tun. Ich wusste nicht, was. Ich saß da einfach, starrte die beiden an und dachte daran, wie es mal war…

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