Worte. Leere. Müll.

Veröffentlicht: Januar 20, 2009 in Fragen, Gedanken, Selbstgespräche
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– Und du fragst mich, warum ich das tue? Ich kann dir das nicht erklären.

– Warum?

– Weil ich es selbst nicht weiß.

– Stimmt das?

– Was soll diese Fragerei?

– Naja. Du weißt ja selbst.

– Was weiß ich?

– Dass es nicht alles unbedingt so ist, wie du es glauben magst, und dass du nicht unbedingt selbst daran glaubst, was du mit aller Glaubwürdigkeit angibst. Und überhaupt, dass Worte eigentlich ganz leer sind und frei befüllbar mit welchen auch immer Inhalten du möchtest. Im Nachhinein, eben, auch. Es sind nicht nur bestimmte Wörter oder Begriffe, die als leere Signifikanten funktionieren – so sind alle Wörter. Alles, was wir reden, ist nur eine Umhüllung von dem, was wir meinen oder eventuell sagen wollten, erstmal, die so leer übergeben wird und neu gefüllt wird – von dem, was die anderen tatsächlich (denken, dass sie) gehört, verstanden haben, hören und verstehen wollten. Oder nicht wollten, aber eben dies projeziert haben. Und so wandelt diese bunte sprachliche Verpackung von einem zum Anderen, ein Mehrwert-Behälter, so zu sagen. Je öfter man den benutzt, je leichtsinniger, desto mehr sieht man an ihm die Verbrauchsspuren, und desto weniger Wert wird der. Bis der einmal weder neue Inhalte aufnehmen kann, noch zurückgenommen wird. Die netten umweltbewussten Kerle werden sich um seine umweltbewusste Versorgung kümmern.

„ICH LIEBE DICH!“. Ein perfektes Beispiel für einen zu Löchern verbrauchten Container-für-alles-Mögliche. Nur es ist meistens flüssig, was man da rein tut, und bevor man es schafft, das Geschenk zu überreichen, ist alles schon längst rausgetropft. Man versteht es und nutzt so was auch nicht mehr. Und wenn schon, dann als eine Art Billigzeug zum Entfliehen: „Hey, ich hab dir doch was gebracht, was kann ich denn dafür dass es Löcher hat.“ Klar. Nichts. Niemand kann was dafür. Rechtzeitig entsorgen muss man halt…

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Kommentare
  1. ml sagt:

    Eine schöne Metaphor, die Flüssigkeit. Tränen? Blut? Vielleicht ist es auch so das Liebe als Gefühl liquide ist, aber nicht im Sinne einer Flüssigkeit, eher wie Kautschuk. Formbar, dehnbar. Bei Hitze flüssiger, aber schnell erkaltend, hart und zäh werdend.

    Wer weiß.

  2. tenti sagt:

    Tatsächlich schöne Metaphern, die dir einfallen. Üblich wird Liebe mit Feuer verglichen, aber das sind ja die Romantiker. Ich wäre dafür, dass sie einfach unterschiedlich sind, für die meisten, die Metaphern. Auch die Flüssigkeitsmethapern. Mir fällt dazu gerade leider nur Quecksilber ein…

    Allerdings meinte ich da nicht die Liebe, die flüssig ist. Sondern die beliebigen Inhalte, die hinter diesen Worten ‚Liebe‘, ‚Ich liebe dich‘ stecken. Wo der Ausdruck gleich traditionell bleibt, und jeder meint darunter etwas anderes. Auch jedesmal etwas anderes. Und meistens auch etwas Unwichtiges und Unhaltbares. Unfestes. Flüssiges eben. Aber selten Liebe, auch wenn sie auch flüssig sein mag…

  3. ml sagt:

    Ist das denn so, das „Liebe“, lieben mithin, so ein feststehender Begriff ist? Mir fallen mindestens drei Bedeutungen des Signifikanten ein, von denen keine die Leerform darstellt. Gibt es eine Leerform von Liebe?

  4. tenti sagt:

    Nein, Liebe ist nicht feststehend, und auch keine Leerform. Sie kann auch verschiedene Ausprägungen haben. …Aber wenn sie Liebe ist, ist sie selten – kaum – in Worte zu fassen.

    Was eine Leerform ist, ist der Ausdruck, dieses ‚Ich liebe dich‘, das beliebig gefüllt und beliebig gedeutet wird.

    Und: Gefühl – Zustand – Begriff – Wort – Form sind ja nicht einander gleich. Es gibt keine Leerformen von Gefühlen oder Zuständen… Sie sind aber auch nie wirklich beschreibbar oder gar definierbar.

  5. julielasourire sagt:

    Hallo, du hast deine Interpretation des alltäglichen Lebens in diesen Zeilen sehr gut beschrieben. Dieses Möchte-Gern der Leute, wo doch besonders die drei Worte „Ich Liebe Dich“ heutzutage so gewöhnlich und unbedeutend geworden sind, welches ein Beispiel von vielen war. Es hat mich sehr beeindruckt.Weiter so!

  6. tenti sagt:

    danke… ich würde mich eigentlich freuen, wenn sie nicht stimmen würde, diese interpretation. aber das sind auch nur wörter…

  7. ml sagt:

    vielleicht ist sie auch falsch, und wir denken alle etwas komplett anderes, besseres. vielleicht ist liebe tatsächlich keine leerform mehr, sondern eine bereits durch das entstehende vorgefüllte form, belegt je immer schon, wartend auf uns alle. zumindest diese hoffnung sollte man sich behalten, das wäre angesichts der entleerung der begrifflichkeiten schon ein radikaler ansatz: hoffnung.

    • tenti sagt:

      wenn alles liebe ist, was zwischen menschen so entsteht, dann ist sie mir zu erbärmlich, zu arm, in so vielen fällen. wenn sie erst entdeckt und verstanden werden soll, diese vorgefüllte form, dann ist die aufgabe nicht einfacher, als die form selbst zu füllen. und die hoffnung ist oft für die schwachen… am ende nichts mehr als eine ausrede, um da zu sitzen, nichts tun, warten – hoffen eben. leider. ja, ich bin pessimistisch, ich weiß.

      ich hatte allerdings eher nicht gemeint, dass liebe eine leerform ist. jetzt überlege ich, gerade wegen deiner gedanken oben. liebe als eine leerform, die von jeder beziehung im laufe des entstehens von vorne gefüllt und gebacken wird. so ist halt mensch für sein bild der liebe verantwortlich, weil mensch es selbst geschaffen hat. depressive liebe für depressive menschen, fröhliche – für die fröhlichen, unglückliche – für die unglücklichen?

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