Archiv für Juli, 2009

R.I.P.

Veröffentlicht: Juli 23, 2009 in Gedanken, Gefühle
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„Es ist das Ende…“
„Ist alles wirklich vorbei?“
„Das war’s…“
„Aaargh! Nein!“
„Schluss.“
„Diesmal tatsächlich Abschied?“
„Tja. Verloren.“

Immer wieder. Viel Lärm. Viel Geschrei. Lautes Reden, Erklären, Fragen und Seufzen. Weinen und suchen und nachdenken.

Und dann, wenn das Ende tatsächlich gekommen ist, ist alles still.

Niemand wagt es, darüber zu reden. Niemand wagt es, dies auszusprechen, dies zuzugeben. Niemand wagt es, sich in die Augen zu schauen. Eine Angst, irgendwo tief, vor leisem Wissen, das vor sich selbst Angst hat. Gedanken werden vertrieben, sie schleichen sich auf Zehenspitzen immer wieder auf und ab, beängstigt, wegen der Stille. Eine ungewöhliche Stille, Stille der Leere, als ob jemand gestorben ist.

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– Und jetzt?
– Es gibt kein ‚jetzt‘ mehr.
– Du denkst in falsche Richtung.
– Ich kann nicht mehr. Ich kann nicht denken. Was soll ich tun?
– Wenn ich das wüsste. Die Zeit wird…
– Ich mag die Zeit nicht. Sie spielt ja immer gegen uns.
– So? Immer?
– Meistens. Oft. Ich weiß nicht. Ist doch nur ein Ausdruck.
– Du tust dir Leid.
– Nein. Nicht mir. Der Welt. Ich hasse das. Ich werd verrückt.
– Es wird vergehen.
– Ich hasse das.
– Vergänglichkeit der Dinge und Gefühle? Es ist natürlich. Es ist Leben.
– … Warum?
– Weil du dir weh tust.
– Ich muss mich lieben? Ich tu den andren Menschen weh.
– Absichtlich?
– Nein. Ich glaub nicht. … Ich habe das Gefühl, nicht geliebt zu werden.
– Ja, das ist gerade dein Problem.
– Wie kann ich sie loswerden, die Gefühle? … Was soll ich tun?
– Ich weiß nicht. Ich weiß auch nicht.
…Du kannst die Menschen nicht verstehen.
– Mich auch nicht.
– Vor allem.
– Ich drehe durch.
– Die Welt dreht durch.
– Seit langem.
– Immer.
– Und zwei Menschen?
– Es gibt sie nicht. Es gibt ne Menge Menschen.
– Und Mensch alleine.
– Liebe?
– Es gibt sie nicht. Es gibt ne Menge Emotionen.
– Und Mensch alleine…

Nach einer Weile gewöhnte sich Tenti an ihre Umgebung, es fühlte sich wie selbstverständlich, auf der Treppe zu sitzen, nachdenken und weinen. Sie versuchte, es sich bequem zu machen, sich gegen die nächste Treppenstufe zu lehnen – und erst dann bemerkte, dass sie immer noch den Rucksack auf den Schultern hatte. Tenti befreite sich – nich ohne Mühe, stellte ihn auf die niedere Stufe, und, da er etwas wackelig stand, versuchte ihn gegen die Wand zu lehnen. Als sie damit fertig war und sich wieder setzen wollte, stellte sie verwirrt fest, dass sie darüber war! Sie war unten und die böse Lücke stand nicht mehr zwischen ihr und dem Wandertraum, dass sie noch vor einer Stunde hatte. Es war, als ob eine Mauer plötzlich weg war, und sie wusste nicht, wie es geschah. Sie war so beschäftigt mit dem Rucksack, dass sie vergessen hat, Angst zu haben.

Und dass war gut so. Denn nun fühlte sich Tenti wieder stark und mutig, zog das Ding wieder auf den Rucken und flog die Treppe runter. Sie flog eben nur zwei Stufen lang, denn zu vergessen sich zu fürchten hat nicht immer Vorteile. Die Stufe hob sich etwas, Tenti balancierte auf einem Bein und trat mit dem anderen zur Seite, um nicht zu fallen. Krach! Vom Schrecken stand sie wie gefroren da, Herzschlag lauter, als der Krach, den sie gerade verursachte. (mehr …)

Sie waren in einem Luftballon. Viele, zu viele. Und dann geschah es, was alle erwartet und befürchtet haben. Sie fangen an, zu senken. Noch nicht fallen, noch hatten sie Zeit, aber bald. Bald wird es soweit, bald werden sie alle sterben. Der Luftballon war nicht für so viele Menschen gebaut, es war eine Dummheit, diese Reise zu machen, trotz gesundem Menschenverstand. Aber es wollten ja alle, es konnte kein Kompromis zustande kommen. Da, auf der Erde. Nun musste es geschehen, denn sonst… Daran wollte niemand denken.

Alle schauten ängstlich hinunter und fragten sich, was noch über Bord kann. Oder wer? Manche zitterten, kauten nervös an ihren Lippen, manche verbargen ihre Angst hinter einem gleichgültigen Lächeln. Die Last vom Luftballon war schon längst weg, auch all die Koffer. Nun fielen die Schuhe runter, alle bis auf eine Uhren. Und ein Teil des Essens. Selbst wenn sie alle überleben würden, ob für lange, hier mitten des Nichts, über dem endlosen Meer.

Es musste entschieden werden. Es gab keine andere Wahl. Nur wie?

Wer kann das Gericht spielen, wer kann sich dafür verantwortlich fühlen? Es sind doch alle Menschen. Menschen, die es irgendwie wert sind, am Leben zu bleiben. Wie soll ich entscheiden, dass du zum Tode verurteilt bist? Wofür? Einfach weil ich leben will? Werde ich danach leben können? (mehr …)