In einem sinkenden Luftballon

Veröffentlicht: Juli 7, 2009 in Fragen, Gedanken, Kurzgeschichten
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Sie waren in einem Luftballon. Viele, zu viele. Und dann geschah es, was alle erwartet und befürchtet haben. Sie fangen an, zu senken. Noch nicht fallen, noch hatten sie Zeit, aber bald. Bald wird es soweit, bald werden sie alle sterben. Der Luftballon war nicht für so viele Menschen gebaut, es war eine Dummheit, diese Reise zu machen, trotz gesundem Menschenverstand. Aber es wollten ja alle, es konnte kein Kompromis zustande kommen. Da, auf der Erde. Nun musste es geschehen, denn sonst… Daran wollte niemand denken.

Alle schauten ängstlich hinunter und fragten sich, was noch über Bord kann. Oder wer? Manche zitterten, kauten nervös an ihren Lippen, manche verbargen ihre Angst hinter einem gleichgültigen Lächeln. Die Last vom Luftballon war schon längst weg, auch all die Koffer. Nun fielen die Schuhe runter, alle bis auf eine Uhren. Und ein Teil des Essens. Selbst wenn sie alle überleben würden, ob für lange, hier mitten des Nichts, über dem endlosen Meer.

Es musste entschieden werden. Es gab keine andere Wahl. Nur wie?

Wer kann das Gericht spielen, wer kann sich dafür verantwortlich fühlen? Es sind doch alle Menschen. Menschen, die es irgendwie wert sind, am Leben zu bleiben. Wie soll ich entscheiden, dass du zum Tode verurteilt bist? Wofür? Einfach weil ich leben will? Werde ich danach leben können?

Aha, nun soll es anders gehen, nicht etwa, „Der soll weg, der ist ja eh nutzlos“, sondern „Ich bin nützlich, weil so und so, deswegen muss ich bleiben“. Nicht nur das blinde „Alle außer mich“ und das wirtschaftliche Nutzen kommt ins Spiel, sondern auch Strategien der modernen Gesellschaft: Werbung mit allen Methoden, schön verdeckte Konkurrenz, Leistung im Vordergrund. Man muss ja sich heutzutage gut verkaufen können.

„Klar braucht ihr mich, ich kann ja…“
„Aber wenn es dazu kommt, dass wir… Dann kann nur ich…“
„Ich kann euch helfen, …“
„ICH! ICH! Ich kann etwas, was andere nicht können. Mich braucht jeder. Ohne mich werdet ihr nie auskommen können. Ich bin ja…“

Werden sie einen vermissen, wenn er runter fällt? Werden die einen Augenblick nachdenken, über ihn, über sie? Über das, was geschah? Angst ist in den Gesichtern zu sehen, eine Urangst, jetzt führt sie nichts außer Instinkte. Werden sie nachdenken? Werden sie an einen MENSCH denken, der gelächelt und geweint hat, der die Sonne mit Freude begrüßt hat, der ein Kind zitternd in der Hand getragen hat, der Gefühle hatte?

Es wird lauter und chaotischer. Der Luftballon sinkt jetzt schneller, es gibt keine Messgeräte, aber jeder weiß es, es ist eine mit den Angstsinnen empfundene Veränderung. Es wird geschrien, es wird gleichzeitig in verschiedenen Ecken gestritten. Wer lauter ist, setzt sich durch, wer schöner redet, seine Argumente besser formuliert, hat eine Chance. Es wird heiß vom Geschrei, man nimmt den anderen, ja sich selbst schon kaum wahr.

„ICH WILL ES SEIN! HALLO! HALLO, HÖRT MAL ZU, ICH WILL ÜBER BORD…“
„Hört zu, WIR HABEN EINEN FREIWILLIGEN! Wir haben einen Freiwilligen. Der hat sich gemeldet.“
„He?“
„Wer? Wer?“
„Ihr könnt etwas Ruhe haben, ich will über Bord. Ihr könnt mich runterschmeißen.“
„Ok.“

„So, einer ist freiwillig weg, toll, das war leicht. Wir sinken aber trotzdem weiter und müssen uns schnell entscheiden, wer als nächstes kommt.“

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