3. Die große Wanderung

Veröffentlicht: Juli 10, 2009 in Kindergeschichten. Nicht für Kinder., Kurzgeschichten
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Nach einer Weile gewöhnte sich Tenti an ihre Umgebung, es fühlte sich wie selbstverständlich, auf der Treppe zu sitzen, nachdenken und weinen. Sie versuchte, es sich bequem zu machen, sich gegen die nächste Treppenstufe zu lehnen – und erst dann bemerkte, dass sie immer noch den Rucksack auf den Schultern hatte. Tenti befreite sich – nich ohne Mühe, stellte ihn auf die niedere Stufe, und, da er etwas wackelig stand, versuchte ihn gegen die Wand zu lehnen. Als sie damit fertig war und sich wieder setzen wollte, stellte sie verwirrt fest, dass sie darüber war! Sie war unten und die böse Lücke stand nicht mehr zwischen ihr und dem Wandertraum, dass sie noch vor einer Stunde hatte. Es war, als ob eine Mauer plötzlich weg war, und sie wusste nicht, wie es geschah. Sie war so beschäftigt mit dem Rucksack, dass sie vergessen hat, Angst zu haben.

Und dass war gut so. Denn nun fühlte sich Tenti wieder stark und mutig, zog das Ding wieder auf den Rucken und flog die Treppe runter. Sie flog eben nur zwei Stufen lang, denn zu vergessen sich zu fürchten hat nicht immer Vorteile. Die Stufe hob sich etwas, Tenti balancierte auf einem Bein und trat mit dem anderen zur Seite, um nicht zu fallen. Krach! Vom Schrecken stand sie wie gefroren da, Herzschlag lauter, als der Krach, den sie gerade verursachte.

Doch alles war still.

Als sie endlich draußen war, sind ab ihrem ersten Versuch gute zwei Stunden vergangen. Ereignislos überquerte sie den Hof, lief über die Straße und runter zum Back. Huch! Endlich war sie im Freien! In ihrem Wäldchen konnte sie ihre große Wanderung beginnen. Sie drehte sich um, und blickte nostalgisch – zum letzten Mal – auf das Haus, auf Minna I und Minna II, die gerade auf dem Gang spielten, in die Küchenfenster, hinter denen Mama grad Abendessen vorbereitete. Da fiel ihr ein, dass wenn sie das Küchenfenster sehen konnte, konnte das Küchenfenster auch sie sehen. Also jemand vom Küchenfenster, meinte sie. Und so trat das Mädchen eilig hinter die Bäume. Nie mehr, nie mehr wird Tenti es wieder sehen… Kopf gesenkt, schwere Gedanken, vermischt mit Hintergrundfreude, die sie ab und zu überflutete und zittern ließ, lief sie weg vom Zuhause.

Es war kein Mensch da. Alleinsein war Tenti nicht neu, aber die Einsamkeit, die sie gerade spürte, machte sie fast krank. Sie hatte keinen Plan, sie hatte keine Ahnung vom Leben, all die Gefahren der Welt warteten nun auf sie. Erst jetzt fiel dem Mädchen ein, dass die Sachen, die sie eingepackt hat, eigentlich nutzlos waren. Damit wird sie nie überleben können. Sie tat sich wieder Leid, und konnte die böse Welt nicht verstehen. Heulend (zum dritten Mal heute) strechte sich Tenti den schmalen Pfad entlang. Noch ein kleines Stück, dann runter, vorsichtig, weil es da fast keine Bäume gab, dann über den Bach, der da etwas schmaler war, dann hochklettern, dann über die Felder nah am Wald, dann in den großen Wald, dann Richtung große Berge, dann… Dann wusste sie nichts mehr. Die Sorgen über den weiten Weg wischten ihr die Tränen vom Gesicht. Bald wird es Abend, sie muss sich beeilen. Sie rannte fast den Pfad runter zum Bach und…

„Na, wo geht’s hin, Kleine? Ha?“

Tenti starrte zum Bach und auf die Steine, als ob da was wichtiges war, das sie gerade unbedingt brauchte. Sie wusste nicht, was sie brauchte. Sie wusste nicht, was sie sagen kann, und so schwieg sie.

„Soll ich dir helfen? Ist bestimmt schwer, das Ding. Was ist da drin?“
„Ich hab ihn da oben gefunden. Schick, oder?“
„Ja. Na komm. Wir gehen gleich Tante Ena helfen, hat Papa gesagt.“

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