Qualen

Veröffentlicht: August 24, 2009 in Gefühle, Kurzgeschichten, Selbstgespräche
Schlagwörter:, , , , , ,

Schreiendes Licht. Es zerdrückt dir die Augäpfel. Lärm, der deinen Schädel zersplittert, langsam, sicher, mit einer unschafen Axt. Ohren beben. „Hallo! Wie bitte? Was???“ Du kannst nicht hören. Du kannst dich nicht hören. Die Stimmen in dir sind betäubt und geschlagen, methodisch.
„Beine aufrecht! Füße auf dem Boden! Beide!“
„Aber…“
„Keine Gespräche! Stehen bleiben! Hinschauen!“
Die fast zerdrückten Augäpfel starren auf das Blinzeln der auftauchenden und schnell verschwindenden Formeln. Dir wird schwindlich und schlecht, alles verschwommen, alles nebelig…
„Weiter machen!“

Wenn nur nicht diese Hitze… Als ob du in einem riesigen Kamin stehen würdest, Schweiß läuft dir über die Stirn, die Wirbelsäule entlang, Kleider kleben an der Haut. Ich werd‘ ohnmächtig… Gleich… Noch ein bisschen, noch ein Stück und ich falle runter, ganz…
„Aufstehen! Nicht sitzen! Nicht essen!!!“
Als ob du in einer Presse leicht zerdrückt wurdest, ohne dich bewegen zu können, Feuer unter dir, Lautsprecher zu beiden Ohren, heiße rote-weiße Lampen glühen direkt in deine Augen… Nur Hände, Hände und Arme dürfen sich bewegen, müssen. Nur eine Richtung, Tempo, richtig.
„Schneller!“
„Aufhören!“
„Weiter machen“

Nur noch ein kleines bisschen… Nur ein wenig…

Verstohlenes Flüstern.
„Weißt du wie spät es ist?“
„Bist du verrückt? Das darfst du nicht fragen.“
„Sag bitte schnell. Es ist bestimmt nicht mehr viel.“
„Nein, wirklich. Hör zu… (ängstlich um sich blickend) Die haben die Zeit verhext!“
„Verhext?..“
„Nun… Sie springt zurück, sobald du auf die Uhr guckst.“
„Ach komm… Lass mich mal schauen.“
„Nein! Ich sag’s dir!.. So habe ich letztes Mal drei Stunden verloren. Und dann läuft sie langsamer, mit jedem Blick langsamer. Mir ist schon mal passiert, dass die Zeit stand. Weil die da ständig auf die Uhr geguckt hat. Sie hat’s nicht kapiert. Sie hat’s einfach nicht kapiert! Und wir mussten ja, wir mussten da immer weiter machen…“
„Na gut, lass es. Meinst du es ist noch viel?“
„Ich glaube nicht. Fünf? Sechs Stunden? Für dieses Mal.“

„WEITER!“

Und weiter, in die Ewigkeit. Die Zeit ist vergessen, es gibt sie nicht mehr. Es gibt nur Beine und Füße, die mit jedem Augenblick heftiger aufgepumpt werden. Ist das Luft, Wasser oder Blut? Sie werden jedenfalls immer schwerer und größer, immer angespannter, bald platzen sie. Wird es jemand hören, ein ungewöhnliches Geräusch inmitten dieses gewöhnlichen Höllenlärms? Aber warum sollte es eigentlich ungewöhnlich vorkommen, hier… Vielleicht sind das die ständig platzende Unterschenkel, der Lärm, den ich höre. Wann werden meine denn endlich platzen? Meine? Meine was?.. Denn meine Beine gibt es nicht mehr, zumindest kann ich sie schon lange nicht mehr fühlen. Haben sie wohl schon zerborsten und ich klebe in der schweißbefüllten Luft? Ein verstohlener Blick nach unten sagt nein. Dann sind sie bestimmt tot. Zu Stein oder Holz geworden. Wie würde sie sich anfühlen, wenn man mit denen gehen würde? Und anhören, wenn man hören könnte? Wäre ein kurzes Knacken da, Klicken oder so was?

„WEITER“

Und weiter, in die Ewigkeit. Ein lahmer Roboter mit dem mittlerweile einzelnen Gedanken, dem einzelnen lautlosen Geschrei, Ich kann nicht mehr! Ich kann nicht mehr… Lasst mich sterben… Lasst mich hier ste—
Der lang vergessene Klang ertönte und unterbrach es. Es war vorbei – für dieses Mal.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s