Regenträume

Veröffentlicht: Oktober 17, 2009 in Gefühle, Kurzgeschichten, Visuelles
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DSC02950-c„Ich finde den Regen schön.“
Er lächelte. „Er passt zu dir.“
„Bin ich auch so kalt?“ Jetzt lächelte sie.
„Du weckst eine gewisse Herbststimmung…Sehnsucht nach etwas. Und man kann deine kalten Hände im Nacken spüren…“
„Du magst keinen Regen.“
„Nein. Aber ich mag dich.“
Es war schon dunkel im Tiergarten, ein paar einsame Laternen brannten auf dem Hauptweg. Bald würde der Park zumachen, das hörte man an der Stille.
„Hörst du?“
„Was?“
„Die Stille. Irgendwo ganz nah, zwischen den Regentropfen.“
Er sah sie nur unverwandt an, mit einem lächelnden Blick, und spielte mit ihrem Haar. Sie wandte ihren Blick ab.
„Was ist?“ sie klang unsicher und wissend zugleich.
„Ich mag dich einfach.“
„Du frierst.“
Er lachte leise. „Ach, du… Aber du hast Recht, ich friere. Wie du ja auch…“
Und dann saßen sie weiter, sie in seiner Jacke und mit vor Kälte verschränkten Armen, er mit seinen verfrorenen Fingern in ihrem Haar. Sie drehte ihren Kopf nach oben und fing Regentropfen mit dem Mund auf, lachend und zitternd.
„Lass uns gehen,“ sagte sie schließlich. „Wir werden bestimmt über den Zaun klettern müssen.“
„Ja, lass uns gehen,“ stimmte er zu und rührte sich nicht.
Die Zeit verging und sie saßen einfach da.
„Ich kann mich nicht bewegen, ich bin fest-ge-froren,“ klagte sie entschuldigend.
Er lehnte seinen Kopf an ihren und sagte nichts. Sie schloss die Augen und spürte, wie der Regen in ihrem Gesicht Rinnen machte. „Wie Tränen, nur kalt,“ dachte sie.
„Wir sind total nass. Wir werden uns erkälten und sterben.“
„Wahrscheinlich… Wirst du dann den Regen immer noch schön finden?“
„Ja.“
Er suchte ihre Hand auf, genau so blau vor Kälte wie seine, und drückte sie fest. „Lass und laufen!“
Und sie rannten, wie Kinder, Hand in Hand, laut lachend. Über die Pfützen, ohne bestimmte Richtung, ohne bestimmtes Ziel. Sie zogen an den Zweigen und flohen vor dem Regenschauer, den sie selbst auslösten. Sie stolperten, drückten einander an den Händen und waren glücklich.

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Draußen, auf der Straße, sah alles fremd aus. Unpassend. Die grauen Häuser im blassen Laternenlicht, die vergewaltigte Stille im Lärm des Straßenverkerhrs. Der Regen hörte auf.
„Ich muss nach Hause,“ flüsterte sie.
„Ich weiß,“ sagte er tonlos. Sein Blick suchte ihren. Sie starrte ins Nichts.
„Ich weiß, warum es nicht immer regnet. Der Regen versteckt sich in deinen Augen.“
Sie lächelte matt. „Ich…gehe jetzt.“
Noch einen Augenblick stand sie unschlüssig da, dann drehte sie sich um und rannte los Richtung U-Bahn; Fahrplan in der Hand, Regentropfen in den Augen.
Er stand noch eine Weile da und schaute ihr nach.
„Ich habe gelogen,“ flüsterte er. „Ich mag Regen.“

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Kommentare
  1. juh sagt:

    So viel Glück in ein paar Zeilen – schön.

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