Lebensneuinstallation

Veröffentlicht: März 23, 2010 in Fragen, Selbstgespräche
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Es hat sich einfach so viel Müll eingesammelt. Vieles läuft nach den ständigen Fehlern nicht mehr so, wie es sollte, viel langsamer, mühseliger. Speicher reicht nicht für die vielen unnötigen Prozesse, Programme werden nicht richtig installiert, funktionieren anders, als mensch es gern hätte, verbrauchen zu viele Ressourcen oder schleichen gar Malware und Viren mit ein. Selbst mit guten Mitteln lassen sich die Schäden nicht vollständig neutralisieren, mal fehlen einige wichtigen Registry-Einträge, mal sind es ein paar Unnötigen zu viel, nach und nach wird mensch gelähmt. Die Festplatte platzt vor dem nutzlosen und wichtigem Müll, überall schweben Geister von den halb verbrannten Dateien.

Ich bin schon müde. Ich versuche, den Chaos aufzuräumen, stürze da ein – und stürze ab. Von dem ganzen Müllhaufen, mal in schöne Kisten gepackt, mal in hässliche, bin ich überwältigt. Ich nehme mir eine Ecke vor, die hinten rechts, nur ein Quadratmeter für heute. Erstmal das Wichtigste herausfiltern und zur Seite legen. Paar Fotos, Papiere, Mails. Geschenke. Eventuell sind die Fotos schlechter Qualität, die Papiere veraltet, die Mails sentimentaler Unsinn, Geschenke reine Höflichkeitssache. Alles eine unnötige Vergangenheit. Weg damit! Und das Feuer brennt.

So, jetzt habe ich das Wichtigste verbrannt, was mach‘ ich mit dem dagebliebenen Schrott? Verkehrte Welt.

Einmal sollte ich mich heimlich zu dem Schrottplatz mit ein paar Streichhölzern einschleichen, und einen Streich damit spielen. Zack! – und der ganze Müllhaufen nur Asche im Wind. Nur da ich ja ein Teil davon bin, werde ich mitfliegen müssen, außerdem gibt es eine Menge Sachen, die sich nicht so einfach verbrennen lassen, stinken und vergiften eine/n, und bleiben am Ende ein unförmiger schwarzer Klumpen: Müll für immer.

Wie denn sonst?

Wenn es nicht mehr geht, wenn die neuen Programme, die das Haus eigentlich aufräumen sollten, mehr Ressourcen verbrauchen, als die Unordnung, das Ganze nicht mehr bewältigen können, und selbst zu Müll werden? Eine Wiederherstellung zum Auslieferungszustand – eine künstlich erzeugte Amnesie, mühselig von Experten gemacht, – ist nett gemeint, aber irgendwo in der Tiefe bleiben die Geister der Vergangenheit, die Fehler, die Albträume über sich und Sachen und Menschen. Mensch ist verdammt, recht zügig zu dem alten Zustand zurückzukehren, weil die Pfade schon mal zurückgelegt worden sind, sie sind halt bequemer.

Nein, es wäre besser, sich nicht um die fragliche Wiederherstellung zu bemühen, sondern alles neu zu machen. Erstmal die Dinge durch den Schredder durchlaufen lassen – einfach um die befreiende Wirkung länger, intensiver zu spüren. Einzeln oder in Stapeln, nicht ansehen, genau hinsehen, zusehen: Fotos, Kleider, Möbel, Pässe, Fingernägel und Haare, alles ab und weg.Nackt. Obdachlos, besitzlos. Mit Glatze. In der Dusche den Dreck abschrubben mit der Drahtbürste, fertig. Jetzt alle Partitionen löschen und systemlos in der Schwerelosigkeit schweben. Erst danach die Festplatte komplett formatieren, langsam, gründlich, damit kein Fleckchen Vergangenheit nur eine winzige Überlebenschance kriegt.

Bleiben auch da irgendwo Datengeister?

Der besagte Neuanfang: neue Partitionen anlegen, sinnvoller, funktionsfähiger, durchdachter. Ein sauberes Betriebssystem nehmen, optimiert und mit allen Service Packs. Oder vielleicht ein anderes? Ausprobieren? Vielleicht auch zwei parallel installieren, auf verschiedenen Partitionen, für verschiedene Zwecke. Und so, für alle Fälle, wenn mal etwas schief geht. Oder auch mehr? Für mehrere Lebensabschnitte, lust-und-laune-abhängig. DOS für das Elternhaus. Windows für die Arbeit, unterschiedliche Versionen zu diversen Jobarts: unauffällig, bürgerlich, mal lahm, mal inhaltslos pfiffig, mal ausreichend für die eventuelle Rente. Mac für die langweiligen Edelparties, zähnezeigend glücklichen Manager(jobs) in Geschäftskleidung und die verwöhnten Freunde. Ubuntu für die Lebensphasen, wenn eine/n alles obige krank macht (mit typischen Symptomen wie Freiheits- und Gerechtigkeitssuche, Linksbegeisterung), aber mensch noch nicht bereit ist, all die Bequemlichkeiten der ’normalen‘ Gesellschaft aufzugeben. Und dann am Ende noch die ganz freien, damit aber auch die komplizierteren, schlichteren, wilderen Minderheits-DIY-OS für Experimentierfreudige.

Bei so einem Chamäleonleben bleiben kaum Ressourcen für ’normale‘ Daten, um etwas Dauerhaftes aufzubauen, es bedeutet eine unaufhörliche Beschäftigung mit den Wartungsarbeiten, immer woanders, der Maskenauswahl, den Kompatibilitätsproblemen, den Heimatlosigkeitsgefühlen.

So oder anders, nach einer Weile wird sich trotzdem wieder Müll ansammeln, irgendwo, überall. Mit Administratorrechten kann mensch sich leider schlecht etwas verbieten… Reagiert mensch schnell – reicht das gründliche Aufräumen. Möglicherweise stürzt alles mal ab, oder die Einzelsysteme, bei den Spaziergängen im freien Wildnis, den Experimenten, im Drogenrausch oder wegen Burnout, möglicherweise hilft dann immer wieder die Neuinstallation und alles läuft wieder flott..

Wie lange?
Bis sich die Hardware abnutzt.
Und dann?
Naja, das war’s dann schon. Die Teile eventuell recyceln.
Und wozu das alles?
Damit jemand ein bisschen Spaß hat. (Und immer wieder ein bisschen Ärger.)

Oder so.

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