Es war so…

Veröffentlicht: April 24, 2010 in Fragen, Gefühle, Kurzgeschichten
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Es war Nacht. Keine Sterne fielen zu Boden, weil es keine Sterne zu sehen gab und weil die Sterne ja in Wirklichkeit nie herunterfallen konnten. Jedenfalls nicht so, dass ein Erdmensch es überleben und dann darüber berichten könnte. Was am Ende nicht wichtig war, die Tatsache blieb, dass Anna in dieser Nacht keine Gelegenheit bekam, ihren Wunsch auf eine wundersame Astro-Weise erfüllt zu bekommen. Deswegen wanderte sie durch die graue Stadt bis zum Morgengrauen, in der Suche nach einem anderen Wunscherfüller, nämlich dem Zufall. Straßen, Brücken, Wiesen und Felder, Eisenbahnschienen und Pfützen, alles vermischte sich zu einer dunklen nichtssagenden, nichts- und nirgendwohinbringenden Masse unter den Füßen.

„Ich habe lange nachgedacht…“
„Und?“
„Ich kenne dich doch nicht.“
„Das kann nicht sein.“
„Warum nicht?“
„Weil das du bist. Wenn du mich nicht kennst, wer sonst?“
„Du kennst mich halt nicht.“

Es war Morgen. Ich dachte an ihre kalten Füße in der Nacht, und wie sie geweint hat. Ich wusste nicht, warum, ich wusste es nie. Es war, als ob ihr ständig etwas weh tat und sie lief und lächelte brav, für das breite Publikum, – bis sie sich endlich alleine oder bei mir etwas entspannen und aller Vorsicht vergessen konnte. Ich tätschelte dann ihre nassen Wangen, ließ ihr das verrotzte Gesicht unter meinem Hemd verstecken, zog ihr willenlosen Körper an meinen um ein Anschein der Umarmung vorzutäuschen, – und schwieg.

„Was hätte ich sagen sollen? Was hätte ich sagen können…“
„Sollen – nichts. Können… eigentlich alles.“
„Hätte es geholfen?“
„Nein.“

Es war kalt. Sie lagen auf dem Fußboden, erschöpft, verlegen. „Maurice…“ flüsterte sie zögernd. Er schwieg. „Maurice, ich hasse dich.“ Er rührte sich nicht. „Hörst du?“ Er verbarg sein Gesicht in ihrem Haar: „Ich weiß,“ murmelte er. Sie weinte. Jedes Mal fing es wie im Rausch an, sie fühlten sich leicht und auf eine ungesunde Weise glücklich, sie waren gedankenlos, selbstverloren, sie waren voneinander besessen. Dann war der Rausch vorbei und sie lagen auf dem Fußboden, blickten ins Nichts, wieder unglücklich, auf eine gesunde drogenfreie Weise. Sie dachten über alles nach und wussten nicht, wohin damit.

„Warst du immer unglücklich?“
„Nein.“
„Warst du mit mir glücklich?“
„Manchmal.“
„Wann?“
„Manchmal. Wenn ich nicht denken konnte. Warst du mit mir jemals glücklich?“
„…Ich konnte mich nie so verlieren, wie du.“
„Ja, ich habe eine ganze Menge verloren.“
„Von dir?“
„Von mir. Von dir. Von allem.“
„Es tut mir Leid.“
„Warum?“
„Weil du einen Teil von mir verloren hast. Den kannst du mir ja nicht mehr zurückgeben.“

Es war vorbei. Sein ‚Wir müssen reden‘ klang immer noch in meinem Kopf. Schon komisch, eigentlich sollte ich die Worte eher immer noch vor meinen Augen sehen, denn er hat sie mir nicht gesagt, sondern geschrieben. Wie auch immer, ich hatte diese Phrase im Kopf und wollte sie unbedingt rauswerfen. Ich brauchte sie nicht. Wozu? Ich will nicht reden. Nicht so. Nicht nach der Wirmüssenredenwarnung. Und weil wir eigentlich nicht reden müssen. Wir müssen was anderes. Müssten. Sollten. Egal. ‚Wir müssen reden’… Scheiß-Seifenoper-Phrase, kennst du keine anderen?! Worüber willst denn reden, Arschloch? Was willst du von mir überhaupt? Nichts… Nichts willst du von mir. Wie immer. ARSCHLOCH! WICHSER! FUCKER! Tja, nicht mal eines der Passanten schien vom Geschrei überrascht, niemand schien es überhaupt bemerkt zu haben. Ihr seid doch alle so… FUCKER!

„Warum bist du so aufgeregt?“
„Ich liebe dich.“
„Du liebst mich nicht. Du liebst eine Illusion von mir.“
„Du liebst auch eine Illusion von dir. Und das macht dir nichts aus.“

Es war Liebe. Es musste Liebe gewesen sein, warum sonst hätte er sich so komisch fühlen sollen. Das so unwissenschaftlich definierte Gefühl der Komischheit ließ Maurice nämlich schon seit Tagen nicht los. Heute rauchte er eine Zigarette nach der anderen in der Hoffnung, das Gefühl würde vergehen, wenn auch sich im Klaren, dass dies besser mit Bier oder Wein zu schaffen wäre. Bier und Wein gab es nach drei Tagen des Sich-Komisch-Fühlens eben nicht mehr, zum Rausgehen hatte er keine Lust, und so mussten Zigaretten genügen. Mit der ausbrennenden Elften zwischen den Zähnen griff Maurice nach dem Handy: „Sag mal, hättest du Lust vorbeizukommen? … Ein Sixpack vielleicht… Und noch Filter, sind mir ausgegangen… Nein, was soll sie damit zu tun haben?! Die Schlampe ist mir doch egal, sie wollte selbst nicht, dass – … Ja, bis gleich.“ Das stimmte, sie war ihm egal, aber er fühlte sich trotzdem komisch.

„Du wolltest mit mir reden?“
„Ja. Ich liebe dich.“
„Wir müssen uns trennen.“
„Ja.“

Es war seltsam. Es war, als ob alles, was sich davor in Ordnung befand, stimmte nicht mehr. Und doch war es richtig. Schien, richtig zu sein. Schien einfach in einer anderen Ordnung zu sein. Es war schmerzhaft, aber so wie eine erfolgreiche Operation. Es war befreiend, aber ohne kopflose Euphorie. Es war wie im Traum, und doch war alles wirklich. Es war eine Illusion, das war klar. Und doch war es eine schöne Illusion, die aufzugeben – tat weh. Aber es war nötig. Es war schließlich egal. Es war halt wie es war, und so war es am besten.

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