Archiv für die Kategorie ‘Kurzgeschichten’

Es war Nacht. Keine Sterne fielen zu Boden, weil es keine Sterne zu sehen gab und weil die Sterne ja in Wirklichkeit nie herunterfallen konnten. Jedenfalls nicht so, dass ein Erdmensch es überleben und dann darüber berichten könnte. Was am Ende nicht wichtig war, die Tatsache blieb, dass Anna in dieser Nacht keine Gelegenheit bekam, ihren Wunsch auf eine wundersame Astro-Weise erfüllt zu bekommen. Deswegen wanderte sie durch die graue Stadt bis zum Morgengrauen, in der Suche nach einem anderen Wunscherfüller, nämlich dem Zufall. Straßen, Brücken, Wiesen und Felder, Eisenbahnschienen und Pfützen, alles vermischte sich zu einer dunklen nichtssagenden, nichts- und nirgendwohinbringenden Masse unter den Füßen.

„Ich habe lange nachgedacht…“
„Und?“
„Ich kenne dich doch nicht.“
„Das kann nicht sein.“
„Warum nicht?“
„Weil das du bist. Wenn du mich nicht kennst, wer sonst?“
„Du kennst mich halt nicht.“

Es war Morgen. Ich dachte an ihre kalten Füße in der Nacht, und wie sie geweint hat. (mehr …)

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Träume

Veröffentlicht: Dezember 20, 2009 in Gefühle, Kurzgeschichten
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Farben. Wüste der Sinne. Du lächelst. Dein Schatten verschwindet. Ich weiß nicht, wer du bist. Wofür auch. Ich habe die Farben.
Die Wüste ist sonnig und grenzenlos. Der heiße Sand küsst meine nackten Füße. Ja, ich brenne, aber es ist so schön. Auf dem glänzenden Feuer zu laufen, jeder Schritt wie ein kleiner Messerschlag. Herzschlag. Ich möchte baden, baden in diesen Flammen, damit mein ganzer Körper auch brennt. Ich möchte mit der Wüste eins sein.

Ich wache vom Gefühl auf, nicht mehr atmen zu können. (mehr …)

Delusion

Veröffentlicht: November 9, 2009 in Kurzgeschichten
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Ein Lächeln. Ja, es war ein flüchtiges, kaum vernehmbares, aber eben ein Lächeln. Fast betäubt von diesem unsagbaren Glück, kniete Tobo nieder und schloss die Augen. Ihr wurde schwindelig, sie hatte das Gefühl, mitten im Licht zu schweben, gewichtlos, korperlos, selbstlos. Sie merkte nichts um sich, Zeit und Raum und Menschen hörten auf zu existieren. Sie wusste nicht, wie lange sie so da knietete, es könnte eine Ewigkeit gewesen sein.
Aber dann ließ die Wirkung des gespenstigen Lächelns nach, und Tobo befand sich wieder auf dem Boden, verfroren, mit schmerzenden Knien. Sie erhob sich. Vorsichtig machte sie zwei Schritte und blieb wieder stehen. Sie wusste nicht, wohin, sie wusste nicht, wofür. „Bleib hier,“ flüsterte etwas ihr ins Ohr, „warte, nur noch ein bisschen!“ Tobo seufzte. Sie hat schon lange gewartet. Schon seit aller Zeiten, vielleicht. Zumindest konnte sie sich nicht erinnern, jemals nicht gewartet zu haben. „Ich kann nicht mehr,“ ging es ihr plötzlich im Kopf. Erschrocken fuhr sie in sich zusammen. „Wahnsinn. Ich habe immer gewartet. Ich kann nicht anders. Ich muss einfach warten.“ Unsicher versuchte sie zu lächeln. Aber ihre verfrorene Lippen wollten sich nicht bewegen. „Wahnsinn,“ tauchte es wieder in ihrem Kopf auf. „Es tut weh, zu lächeln.“ Vor Schmerz fast gelähmt, lauschte Tobo in die Stille hinein. Es kamen aber keine Worte mehr rüber, der Lärm, anfangs im Hintergrund, nahm jetzt an, er wurde stärker und stärker, er übertönte die Kälte, er schlug dem Mädchen ins Gesicht. Der Lärm des Gedankensturms, in dem Tobo ihre Ruhe suchte. Sie blutete. Aber sie wehrte sich nicht. Sie wehrte sie nie. Sie knietete nur wieder und senkte ihren Kopf.
Erneut schwebte Tobo in der Luft und wusste nicht, wo sie ist, was sie tut. Nur diesmal war die Luft rot und erinnerte sie ans Blut. Ihr eigenes klebriges Blut, und das atmete sie ein und aus. Angst überflutete Tobo, und sie schrie, schrie aus allen Kräften. Aber es kam kein Laut heraus. Sie versuchte, dieses Bild abzuwerfen, aus dem Traum rauszukommen, und konnte es nicht. Die rote Luft war einfach da. Dem Mädchen wurde schlecht, es konnte nicht atmen, es war kurz vor Ersticken. Hastig rannte Tobo nach Luft, aber nun war keine mehr da. Etwas versperrte ihr den Atem, etwas schlug gegen ihre Brust und sie hustete, wie im Anfall, wie wahnsinnig ihr Selbst aus. Ähnlich dem Zigarettenrauch quollen fein geformte rote Blutwolken heraus. „Wie schön,“ dachte sie entsetzt, und fiel zu Boden. Die roten Wolken erlöschen langsam mit einem flüchtigen, kaum vernehmbaren Lächeln.

– Erik?
…Wieso hat er mich angerufen? Will er sich entschuldigen? Will er, dass wir wieder zusammen sind? Nein, das ist unwahrscheinlich. Vielleicht, ja, aber er wird es nicht sagen. Er wird nicht anrufen und so was fragen. Würde er fragen, ob wir was unternehmen könnten? So unverbindlich, als ob (mehr …)

ich hätte sie lieben sollen. ich hätte ihr helfen sollen, vielleicht hätte ich auch helfen können. ihr und mir…

nein, ich habe sie nicht geliebt. ich habe sie nicht mal wirklich gemocht. manchmal konnte ich sie nicht mal ansehen (mehr …)