Archiv für die Kategorie ‘Kindergeschichten. Nicht für Kinder.’

Nach einer Weile gewöhnte sich Tenti an ihre Umgebung, es fühlte sich wie selbstverständlich, auf der Treppe zu sitzen, nachdenken und weinen. Sie versuchte, es sich bequem zu machen, sich gegen die nächste Treppenstufe zu lehnen – und erst dann bemerkte, dass sie immer noch den Rucksack auf den Schultern hatte. Tenti befreite sich – nich ohne Mühe, stellte ihn auf die niedere Stufe, und, da er etwas wackelig stand, versuchte ihn gegen die Wand zu lehnen. Als sie damit fertig war und sich wieder setzen wollte, stellte sie verwirrt fest, dass sie darüber war! Sie war unten und die böse Lücke stand nicht mehr zwischen ihr und dem Wandertraum, dass sie noch vor einer Stunde hatte. Es war, als ob eine Mauer plötzlich weg war, und sie wusste nicht, wie es geschah. Sie war so beschäftigt mit dem Rucksack, dass sie vergessen hat, Angst zu haben.

Und dass war gut so. Denn nun fühlte sich Tenti wieder stark und mutig, zog das Ding wieder auf den Rucken und flog die Treppe runter. Sie flog eben nur zwei Stufen lang, denn zu vergessen sich zu fürchten hat nicht immer Vorteile. Die Stufe hob sich etwas, Tenti balancierte auf einem Bein und trat mit dem anderen zur Seite, um nicht zu fallen. Krach! Vom Schrecken stand sie wie gefroren da, Herzschlag lauter, als der Krach, den sie gerade verursachte. (mehr …)

Ganz leise schleicht sich Tenti mit dem vollgestopften Rucksack die Treppe runter. Die Treppenstufen sind noch nicht fertiggeschraubt, sie sitzen ungerade und machen furchtbar viel Lärm, wenn man auf sie tritt, – vor allem dann, wenn es völlig unnötig ist. Gerade jetzt ist es völlig unnötig, denn Papa macht sein Mittagsschlaf und Mama läuft hin und her in der Küche, und keiner von beiden darf Tenti bemerken. Niemand darf Tenti bemerken, sonst kommen gleich dumme Fragen, wie „Wo gehst du hin?“, dass weiß Tenti Bescheid. Und das möchte sie gerade nicht unbedingt. Oder unbedingt nicht.

Also schafft sie das ziemlich erfolgreich, bis zur Mitte der Treppe runterzusteigen, ohne ein Geräusch. Und da, genau da, wo man über eine größere Lücke treten muss, – wird ihr plötzlich schwindlich. Jetzt steht sie vor der Lücke, die sie jeden Tag überschreitet, guckt nach unten (obwohl sie genau weiß, dass sie das in solchen Situationen nicht machen sollte) und spürt wie schwer sich ihr Herz gegen den Brustkorb schlägt, immer schneller. Sie tritt zurück und überlegt, was sie jetzt machen könnte. Nach unten muss sie, und zwar schnell. Nun versucht Tenti, die Augen zuzumachen, mit einem Fuß auf die andere Stufe zu treten, im Sitzen die Beine über die Lücke zu stellen, ruckwärts, ganz langsam und ganz schnell laufen – und bei allen Versuchen kriegt sie noch mehr Angst, die Beine zittern, das Herz klopft wilder. Schließlich setzt sie sich auf die Treppenstufe, die letzte erreichbare, schaut auf die Leerstelle wie in den Abgrund, und weiß ganz genau, dass sie nie, nie rübertreten kann.

Hilflos fühlt sich die Kleine, allein und verlassen, und tut sich unheimlich Leid. Mit ihren verstaubten Händen verschmiert sie die bitteren Tränen im Gesicht, aber sie wollen nicht aufhören. Ab und dann fängt sie eine größere Träne mit der Zunge auf und schmeckt die salzige Flüssigkeit. Dann schleicht sich ihr eine aufdringliche Frage zwischen die Gedanken über die Ungerechtigkeit der lückenvollen Welt: „Warum schmecken bittere Tränen eigentlich salzig?“

Heute ist eigentlich ein ganz normaler Tag. Die Sonne scheint, Fliegen und Bienen summen herum, Kühe suchen nach dem leckeren Gras und verstecken sich im Gebüsch vor der Hitze. Es ist Mittagszeit und bis es am Nachmittag wieder aufs Feld geht, kann sich Tenti mit den Sachen beschäftigen, die sie eher interessieren.

Und interessiert sie gerade etwas, was sie auf dem Dachboden entdeckt hat. Es gibt hier nämlich eine Menge Altkram: alte Schuhe, alte Kleider, alte Bücher, alte Zeitungen, altes Spielzeug, und so noch viel anderes altes Zeug. Und darunter findet Tenti – ganz zufällig natürlich, nachdem sie alle anderen alten Sachen untersucht hat, – einen alten mit dem Altkram vollgestopften Rucksack. Juhu! Im Nu ist da alles raus, der Rucksack schön geputzt, wie es nur in dreißig Sekunden möglich ist, und für eine RICHTIGE Wanderung bereit. Nur da erscheint schon das erste Problem: ein Rucksack muss nämlich voll sein, um ein richtiger Rucksack zu sein. Was man so für eine Wanderung einpacken soll, weiß Tenti ungefähr, schließlich hat sie genug Abenteuer-Bücher gelesen. Ein Zelt muss rein, und ein Messer, und Töpfe, und eine Taschenlampe, und eine Regenjacke. Und vielleicht noch etwas Essen. Und vielleicht noch ein paar Schuhe. Und bestimmt noch so einiges. Aber einiges gibt es hier im Haus nicht, und anderes müsste Tenti noch suchen und einpacken, und dafür ist sie gerade zu faul. Vor allem weil man ja später alles auspacken muss.

Deswegen kommen in den Rucksack andere, nicht weniger wichtige Sachen rein: ein Kissen, fünf Bücher, eine alte Puppe, ein paar Gardinen, eine bestaubte Vase, zwei Vadis Hosen, eine Packung Glühbirnen und, damit der Rucksack schwer genug ist, wie es sich gehört, ein kaputtes Bügeleisen dadrauf. Auf dem Rucken sitzt er etwas schief zur linken Seite geneigt und wackelt ein bisschen. Aber nun mal ist es ein richtiger Rucksack und Tenti freut sich wahnsinnig.

Gleichzeitig ist sie traurig, denn nun muss sie ihr Zuhause für immer verlassen.