Mit ‘vergangenheit’ getaggte Beiträge

Es hat sich einfach so viel Müll eingesammelt. Vieles läuft nach den ständigen Fehlern nicht mehr so, wie es sollte, viel langsamer, mühseliger. Speicher reicht nicht für die vielen unnötigen Prozesse, Programme werden nicht richtig installiert, funktionieren anders, als mensch es gern hätte, verbrauchen zu viele Ressourcen oder schleichen gar Malware und Viren mit ein. Selbst mit guten Mitteln lassen sich die Schäden nicht vollständig neutralisieren, mal fehlen einige wichtigen Registry-Einträge, mal sind es ein paar Unnötigen zu viel, nach und nach wird mensch gelähmt. Die Festplatte platzt vor dem nutzlosen und wichtigem Müll, überall schweben Geister von den halb verbrannten Dateien.

Ich bin schon müde. Ich versuche, den Chaos aufzuräumen, stürze da ein – und stürze ab. Von dem ganzen Müllhaufen, mal in schöne Kisten gepackt, mal in hässliche, bin ich überwältigt. Ich nehme mir eine Ecke vor, die hinten rechts, nur ein Quadratmeter für heute. Erstmal das Wichtigste herausfiltern und zur Seite legen. Paar Fotos, Papiere, Mails. Geschenke. Eventuell sind die Fotos schlechter Qualität, die Papiere veraltet, die Mails sentimentaler Unsinn, Geschenke reine Höflichkeitssache. Alles eine unnötige Vergangenheit. Weg damit! Und das Feuer brennt.

So, jetzt habe ich das Wichtigste verbrannt, was mach‘ ich mit dem dagebliebenen Schrott? Verkehrte Welt. (mehr …)

Und ja, du findest immer die neuen, aber dafür verlierst du so viele alte – Freunde, Bekanntschaften, Menschen, die dir mal nah waren, dein Zuhause. Durch die Welt ziehen, alles hinter sich lassend und nicht wissend, wie und wohin. Und ob es mal ein Zurück geben wird. Meist wird es es nicht geben, denn du veränderst dich ja, und alle und alles, von dir gelassen, verändern sich auch. Alles, was du hinterlässt, wird zur Vergangenheit. Was bleibt, sind nur Träume und Sehnsüchte. Die Gegenwart ist anders, die ist neu, und die musst du dir erneut zu ‚deiner‘ machen. Wenn du es noch kannst. Ich weiß es nicht mehr. Wer bin ich und wer werde ich? Ich weiß nur, wer ich mal gewesen bin, unterschiedliche Identitäten zu verschiedenen Zeiten. Viele Identitäten. Unklare Identitäten. Welche Sprache nenne ich meine? Welche Sprache ist mir näher? Allgemein? Jetzt? Das weiß ich nicht mehr. Es ist nun die fünfte Sprache, die ich als ‚meine‘ spreche, auf der ich denke, auf der ich schreibe, auf der ich fühle. Und mit jeder ‚meinen‘ neuen Sprache vergesse ich ein bisschen meine anderen. Werde ich reicher? Werde ich dummer? Nach und nach verliere ich das, was mich mal ausmachte. Die kindlichen Ängste, das Neurotische, die Ticks – die werden wahrscheinlich bleiben, für immer. Was bleibt noch? Teilchen der zerrissenen Geschichte, Geschichte des Landes, Geschichte der Länder, meiner Geschichte. Werde ich reicher? Werde ich weiser? Was bedeuten all diese Erfahrungen, nach denen ich suche, die ich mir erkämpfe, die ich überlebe? Wie viele werde ich noch überleben? Überleben wollen? Es gibt nur Neues und es geht nur vorwärts… Nur welche Richtung?

hast du jemals bemerkt, wie dein ‚ich‘, auch im augenblick der tiefsten freude, des glücklich-seins, – sich plötzlich zurückzieht, ängstlich, verletzlich wird?

in reaktion auf erwecke schmerzhafte erinnerungen, auf die berührung eines wunden punktes, in reaktion auf etwas, was wir uns nicht erlauben, anzunehmen, – ja gar wahrzunehmen.

sich sinnen berauben um nicht zu schmerzen…

blind und taub, steif im herzen blockiert das ‚ich‘ dem ‚ich‘ den zugang zur welt, zur quelle des leidens, aber damit auch – zu sich selbst.

wer steif und fühlenlos gegen das leiden wird, wird es auch gegen den frieden, die ruhe, gegen das sein im ganzen werden…

Eine Entscheidungssache, die Zeit, die Lebensabschnitte.

Die Grenze zwischen der Gegenwart und der Vergangenheit ist fließend, fast unsichtbar. Wie auch zwischen der Gegenwart und der Zukunft. Wie auch zwischen der Zukunft und der Vergangenheit.

Die Zukunft existiert nicht, es sind nur unsere gegenwärtigen unsicheren Träume, Hoffnungen, komischen Pläne. Phantasie. Die Vergangenheit existiert nicht, es sind nur unsere gegenwärtigen Sehnsüchte, Ängste, Enttäuschungen, verwundeten Gefühlen, ausgebrannten Gedanken. Erinnerungsqual. Die Gegenwart existiert immer nur ein flüchtiges Moment, jedes Mal ein neues. Was wir als Gegenwart empfinden, ist ein Teil davon, was wir Vergangenheit oder Zukunft nennen, und somit nur noch eine kleinschrittige Ausdehnung von den momentanen Gefühlen und Gedanken.

Die Zeit, das Leben als Fluss von kleinsten Momenten ist schwer vorstellbar und nutzt der heutigen hi-tech Gesellschaft kaum. Der Mensch klassifiziert, um zu leben. Der Mensch lebt, um zu klassifizieren. Der Mensch klassifiziert, anstatt zu leben.

Und die Labels fertigen wir uns selber an:

Das hier ist ‚Vergangenheit‘, Unterebene ‚gestern‘ – Stempel bitte! Ähm, aber ich würde das von gestern gern in die Gegenwart verschieben… War so toll… Ein Bildchen auf die Wand? Ein Bildchen im Kopf?
Label ‚Gegenwart‘, Unterebene ‚gestern‘. Hmm, ‚ab gestern’…  Hmm… ‚morgen‘? Ja, morgen tue ich das.
Label ‚Zukunft’…

Das Gute daran ist, wir können entscheiden, was unsere so genannte Gegenwart ausmacht. Das Schlechte – wir verstehen nicht, dass es nur unsere Entscheidungen sind…

Meine Gegenwart ist ein Fluss von Nicht-Momenten…

– lass es. hörst du, lass es. ich will nicht, kann nicht. ich kann nicht mehr denken. ich verliere mich…
– ich will ja… ich will nur helfen…
– warum? ist es dir nicht egal…
– ich weiß nicht. wahrscheinlich nicht, wenn… oder vielleicht… egal. geh. vergiss es.
– warte!
– wieso…
– lass mich nicht alleine… ich hab angst…
– wovor?
– vor wem…
– vor wem?
– vor mir…
– warum..?
– …du weißt. ich habe angst. ich kann nicht.
– warum denn nicht?
– ich… weiß nicht…
– du! hör auf. vor dir angst zu haben… du bist ja immer da.
– genau deshalb… man kann vor sich nicht fliehen…
– na aber…
– sich selbst vergessen?…

ja. sich selbst vergessen.

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